Der 14. Dezember – mit Anke Keil

Kennen Sie Kintsugi – die japanische Handwerkskunst um Zerbrochenes zu reparieren? Für unsere Autorin Anke Keil steckt dahinter eine Lebensphilosophie, die nicht nur die traditionellen Streitereien an Heiligabend verhindern kann.

Weihnachten – das Fest der Risse

„Ich freu mich auf Weihnachten.“ Mit diesem Satz inmitten des morgendlichen Chaos zwischen Schulbroten, Frühstück und der winterlichen Suche nach Mützen, Schals und Handschuhen überraschte mich neulich meine Tochter. Stimmt eigentlich, dachte ich. Ich freu mich auch drauf. Ich mag Weihnachten eigentlich auch gern. Und gerade als ich mich ihr lächelnd zuwenden und „Ich mich auch“ sagen wollte, fuhr sie fort: „Auch wenn es immer auch traurig ist.“

Weihnachten ist für uns kein einfach nur schönes Fest. Es ist das Fest, an dem die Risse in unserer Familienbiografie immer am deutlichsten hervortreten. Weihnachten ist ein Familienfest im umfassenden Sinn: mit allen lebenden und verstorbenen Mitgliedern unserer Familie, mit denen wir früher feierten, mit denen wir heute feiern und mit denen wir gerne feiern würden.

"Der Makel wie eine Kostbarkeit hervorgehoben"

Kintsugi – diese japanische Handwerkskunst kommt mir dazu in den Sinn. Wenn eine wertvolle Teeschale zerbricht, dann wird sie aufwändig repariert. Aber das Ziel ist eben nicht, die Bruchstellen durch Geschick so gut wie unsichtbar werden zu lassen, wie wir das in der Regel versuchen: Heilgemachtes soll bei uns aussehen wie Neu. Kintsugi dagegen betont ganz bewusst die Risse, die entstanden sind durch den Gebrauch. Durch das Zerbrechen. Durch den Alltag. Durchs Leben. In einem speziellen Lack wird Goldstaub eingebracht, sodass die Bruchkanten, der Makel wie eine Kostbarkeit hervorgehoben bleiben. In Gold.

Wie könnte sich unser Blick wandeln, wenn wir Advent und Weihnachten mehr aus dem Gedanken des Kintsugi betrachten würden? Wenn wir diesen Respekt vor den Dingen, die besondere Achtung auch der Brüche und Unvollkommenheit übersetzen in unseren Advent? Dann wäre vielleicht die Heile-Welt-Fassade oder die Rede von „Fest“, „Licht“ und „Schön“ plötzlich nachrangig. Auch der ewige Streit über das Weihnachtsessen könnte vielleicht kleiner ausfallen; der Stress, das beste Geschenk zu finden, sowieso. Denn Kintsugi, die Goldreparatur mit ihrer Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit, ist eine Liebeserklärung an das Leben – auch und gerade in seinen eben nicht perfekten Seiten.

"Eine Liebeserklärung an das Leben"

Der Makel in Gold: das lehrt Humor und Leichtigkeit. Setzt ins rechte Verhältnis. Ordnet Prioritäten und schenkt Abstand zu den Dingen. Dann wäre auch Raum, der eigenen Sehnsucht nach Licht zu begegnen, das unsere Dunkelheiten heller macht, Schmerz erträglicher, Angst kleiner. Und es wäre Raum, sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten, dem nicht Gelingenden, dem Schmerz, dem Vermissen freundlich zuzuwenden. Ohne Angst. Mitten im Leben. In Festtagsstimmung ebenso wie im morgendlichen Chaos zwischen Schulbroten, Frühstück und der winterlichen Suche nach Mützen, Schals und Handschuhen. In Gold! 

Über die Autorin

Anke Keil studierte Theologie und Allgemeine Rhetorik. Sie arbeitet als Trauerbegleiterin in einem Hospiz und lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Esslingen. Nachdem 2015 eine Tochter still geboren wurde, gründete sie zusammen mit ihrem Mann eine Selbsthilfegruppe für frühverwaiste Eltern.

Ihr Buch "Als Frau Trauer bei uns einzog" entstand im Rahmen ihrer Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Darin verleiht sie dem Gefühl der Trauer in eindrucksvollen Bildern und Worten Ausdruck. Es soll den Leser*innen eine Hilfestellung geben, gemeinsam über die eigene Trauer ins Gespräch zu kommen, ihr Raum zu geben und ihr dabei das Belastende zu nehmen.

Das Buch finden Sie in unserem Onlineshop. Einen Blick ins Buch erhalten Sie hier:

 

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